Die Siedlungsgeschichte in Norddeutschland

Die Heuerleute (Heuerlinge)

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und im Zuge einer umfassenden Bevölkerungszunahme sollte sich parallel zur hergebrachten bäuerlichen Bevölkerung noch eine gänzlich neue Bevölkerungsschicht etablieren, die so genannten "Heuerleute".

Dabei handelte es sich um Familien, die ohne eigenen Grundbesitz als landwirtschaftliche Kleinstpächter existierten. Sie repräsentierten eine neue, unterbäuerliche Schicht und bildeten die Masse dieser bäuerlichen Bevölkerung


Weil die geringen Pachtgründe zum überleben nicht ausreichten, gingen die Heuerleute verschiedenen Arbeiten nach, deren wichtigste die Arbeit beim Bauern war. Diese Arbeit sicherte ihnen die Wohnstelle im Kotten, so einfach und bescheiden diese auch sein mochte. Sie waren ohne eigenen Grundbesitz und gänzlich vom Nebenerwerb in der Landwirtschaft sowie von den schmalen Erträgen in der Leinenweberei abhängig. Tagaus tagein galt es, das Garn zu spinnen und nach Auftrag eines Kaufherrn Tuche zu weben, ewig gleichförmig und in hoher Stückzahl, stets von der Not sinkender Erträge getrieben. Daneben bewirtschafteten sie auch ihre Pachtgründe, kleine Gärten eher, in denen Gemüse angebaut wurde. Und schließlich hielten sie trotz fehlender Weiden auch weiterhin die eine oder andere Kuh, ein Schwein oder auch nur eine Ziege. Das nötige Futter fanden sie nur noch an Wegrändern, und oft waren es die Kinder der Heuerleute, die für den beschwerlichen Weidegang der Tiere zu sorgen hatten.


Die Heuerleute bildeten also eine nützliche Arbeitskraftreserve, gerade für die anstehenden Kultivierungsarbeiten in den Markenländereien. Außerdem rekrutierte sich aus ihrer Schicht auch das Heer all jener, die bereits seit dem 18. Jahrhundert als Ackerweber lebten und deren Enkelkinder zum Ende des 19. Jahrhunderts Arbeit und Erwerb in der neu entstehenden ländlichen Nahrungsmittelindustrie finden sollten.


Heuerlinge zählten also zu den Selbstversorgern, und sie waren auf die Früchte ihrer Gärten, die Arbeit an Spinnrad und Webstuhl und auf ihr weniges Vieh angewiesen, um überleben zu können. Aber ihre Eigenwirtschaft war gemeinhin so klein, dass Missernten rasch in Hungerkrisen umschlagen konnten. Gerade in den 1840er Jahren suchten gleich mehrere Hungerkrisen den Osnabrücker Raum und das Ravensberger Land heim. Während die bäuerliche Bevölkerung solchen durch Missernten erzeugten Krisen noch trotzen konnte, waren die Heuerleute dem Hunger mehr oder minder preisgegeben, ohne dass der Staat ihnen geholfen hätte, ohne dass die Gemeinde mit den beschränkten Mitteln ihrer Armenkasse umfassend hätte helfen können. So blieb ihnen allein die nackte Not, die im Jahre 1848 in Protest und Widerstand umschlagen sollte.


Bedrückend lesen sich die zeitgenössischen Schilderungen des Wohnalltags der einfachen Heuerleute in der Region. Als landwirtschaftliche Klein- und Kleinstpächter waren sie ihren Verpächtern gegenüber zu Arbeitsdiensten verpflichtet. Diese Arbeitsverpflichtung, die ihnen zeitlich befristetet das Pacht- und Wohnrecht einbrachte, unterschied sie von den Tagelöhnern. Und anders als die Knechte der Bauern arbeiteten die Heuerlinge selbständig auf ihrem Pachtgrund. Aber sie mussten in einfachsten Verhältnissen leben, in kleinen Heuerhäusern, manche auch in den Backhäusern und Leibzuchtgebäuden der Bauern, mitunter in ungenutzten "Schoppen" der Voll- und Halberbenstellen.

Die Hof- bzw. Herdbesitzer sicherten sich durch Abtreten einer kleinen Heuerstelle, die aus Haus, Garten und etwas Ackerland bestand, bodenständige Arbeiter. Durch Mitarbeit auf dem Hof des Bauern verdiente sich der Heuerling seine Heuer (Pacht), zusätzlich Korn, Heu. Außerdem war der Heuerling dem Bauern durch Hand- und Spanndienste verpflichtet.


Diese Dienste waren z.B.

• Handdienste (der Dienstpflichtige hatte mit seiner eigenen Hand Arbeiten zu verrichten)
• Spanndienste (vom Anspannen der Zugtiere: Der Dienstpflichtige hatte Zugvieh und Geschirr zu stellen)
• Schüppendienste (Errichtung von Bauwerken, Anlage von Straßen, Wassergräben und Landwehren, Rodungen)


Hand- und Spanndienste wurden oft im Dienst der Allgemeinheit erledigt. Das konnte das Setzen von Feldsteinbrücken auf den Äckern, die Erhaltung von Dämmen und der Bau von Ackerwegen und Landstraßen sein. Die dafür benötigten Materialien (Steine, Holz usw.) stellten meist die Behörden zur Verfügung.

Die Betriebsfläche der Heuerstellen lag typischerweise um den Hof. Wiesen besaß der Heuerling nur in den seltensten Fällen. Auch auf die Gemeinheit hatte er keinen Rechtsanspruch; doch da diese ihm zur Existenz unentbehrlich war, wurde ihm gegen geringes Entgelt der Auftrieb einiger Kühe gestattet.

Da das eigene Anwesen in vielen Fällen die vielköpfige Familie nicht ernähren konnte, sicherten sich viele Heuerleute durch zusätzliche Arbeit die Existenz (Spinnerei, Weberei und in Borgloh dazu das Bergwerk). Heuerlinge waren keine vollberechtigten Mitglieder der Bauernschaft. Sie besaßen kein Stimmrecht, brauchten keine Kirchenbeiträge zu bezahlen, mussten aber für das Totengeläut eine Gebühr entrichten.


Das Heuerlingswesen bestand bis in die 1960er Jahre.