Das Anne Marie Kinker Denkmal

Kennen Sie Anne Marie Kinker aus Eppendorf?

Vermutlich nicht persönlich. Sie ist auch schon fast 200 Jahre tot. Anne Marie Kinker war zweifellos ein interessantes Menschenkind, zumal bis heute nicht restlos geklärt werden konnte, ob sie eine schamlose Betrügerin oder ein echtes Wundermädchen war.


Ein paar Borgloher Patrioten haben 1980 ihr zu Ehren einen stattlichen Gedenkstein an der Stelle aufgerichtet, wo ihr Elternhaus einmal gestanden hat.

Der Granit Findling trägt eine schlichte Kupferplatte mit der Aufschrift:


Anne Marie Kinker
1783-1812
WUNDERMÄDCHEN?


Mit der Anfertigung dieser Platte wurde seinerzeit ein Eppendorfer Handwerker, der bei Klöckner beschäftigt war, beauftragt. Er erhielt einen Zettel mit der gewünschten Inschrift, die er in die Kupferplatte eingravieren sollte:

Anne Marie Kinker
1783-1812
BETRÜGERIN ODER WUNDERMÄDCHEN?



Das Denkmal für Anne Marie Kinker



Als er nach ein paar Tagen die fertige Platte ablieferte, wurde ihm von seinen Auftraggebern auf der Stelle vorgehalten, dass er ein wichtiges Wort vergessen habe.

Daraufhin entgegnete er:
"Dat Woot häwwe ick nich vogierten, dat häwwe ick mit Willen utlauten. In Eppndöerpe giw et keine Bedreeigerske un häw et auk no nich wecke giewen".

Auf gut Deutsch:
"Das Wort habe ich nicht vergessen, sondern bewusst ausgelassen. In Eppendorf gibt es keine Betrügerin, und es hat auch noch niemals welche gegeben".

Im folgenden können Sie die Geschichte der Anne Marie Kinker lesen. Nehmen Sie sich ein wenig Zeit für die Lektüre und urteilen Sie selbst: wahr oder nicht wahr?



Die Geschichte der Anne Marie Kinker

In der kleinen Kötterei in Eppendorf, wo der Vater nebenbei eine schlecht gehende Schmiede betreibt, wird im Jahr 1783 Anne Marie Kinker geboren.

Sie ist ein hübsches und zierliches Mädchen, besucht später die Schule in Borgloh und wird mit 10 Jahren fallsüchtig und auffallend kränklich.

Oft muss der Arzt ins Kinkersche Haus kommen und ihr Medizin geben. Dann tritt für kurze Zeit eine leichte Besserung ein, so dass Anne Marie wieder kleine Hausarbeiten verrichten und auch zur Kirche gehen kann.

Um Martini 1796 verschlechtert sich der Gesundheitszustand derart, das sie bettlägerig wird. Gegen Lichtmeß hört ihr Appetit auf, und seit der 3. Woche vor Ostern 1798 nimmt Anne Marie keinerlei Nahrung, weder Speise noch Trank zu sich. Bis in die nächste Fastenzeit hinein, liegt sie in einem fast beständigen Schlummer. Erst Johanni 1799 bemerkt der Vater, dass sie wieder ihre Hände bewegen kann. Die Mutter bittet sie sofort, nach so langer Zeit, endlich wieder etwas zu essen, aber Anne Marie will nichts zu sich nehmen.

In dieser Zeit ohnmächtigen Schlummers kommt eines kalten Wintertages rein zufällig der Notaris Rhode, der Sekretär des Klosters Oesede, ins Kinkersche Haus. Er findet das Mädchen in einem todesähnlichen Schlaf. Augen und Mund sind fest geschlossen. Als die Eltern ihn über den seltsamen Zustand ihrer Tochter unterrichten, glaubt er ihnen nicht, geht an das Bett heran, und versucht, mit Kraftanstrengung ihren Mund zu öffnen. Vergebens. Dann macht er sich daran, die Fußsohlen des Mädchens zu kitzeln, aber keinerlei Veränderung zeigt sich. Bleich und mit gefalteten Händen liegt Anne Marie in ihrem langen Schlaf, aber sie atmet und lebt.

Durch den Notarius Rhode bekommt das Amt Iburg Kenntnis von diesem sonderbaren Fall, und ordnet sofort eine genaue Untersuchung an. Außerdem sollen 6 beeidigte Männer das Mädchen Tag und Nacht, zwei Wochen lang, genauestens beobachten und überprüfen, ob Anne Marie Kinker wirklich keine Nahrung zu sich nimmt. Diese Untersuchungskommission kann nach 14 Tagen nur bestätigen, was die Eltern des Mädchens schon immer behauptet haben: Anne Marie trinkt nichts und isst nichts.


Als diese Tatsache in Borgloh und in der ganzen Umgebung bekannt wird, pilgern viele Leute in Kinkersche Haus. Alle wollen sie das Wundermädchen sehen. Überall spricht man von Anne Marie Kinker. Ganze Besucherströme bevölkern das Haus und Anne Marie, inzwischen 16 Jahre alt, liegt da wie eine Madonna. Sie hat ein wunderschönes Gesicht mit weißem Teint und einem sanften Rot auf den Wangen. Manche Leute bezeichnen sie schon als Madonna, und andere fallen vor ihrem Bett auf die Knie und beten.

Die wenigen Skeptiker können angesichts der Aussagen des Arztes und der Bewacher nur noch sagen, dass sie nicht daran glauben können. Die Wissenschaft kann den Fall nicht klären. Der Wunderglaube im Volk nimmt zu und immer mehr Pilger suchen das Haus des Wundermädchens auf und spenden reichlich Almosen und bringen Geschenke für die Eltern mit.

Als Dr. Schmidt aus Melle, der an der Untersuchung des Mädchens beteiligt gewesen war, eine Schrift heraus gibt, in der er seine Untersuchungsergebnisse genauestens beschreibt, wird sogar das Ausland auf Anne Marie Kinker aus Eppendorf aufmerksam. Aber, die Zweifler wollen nicht aufgeben. Sie fordern eine nochmalige Untersuchung und längere Bewachung des Mädchens durch Ärzte oder andere geeignete Personen.

Im laufe der nächsten Monate bessert sich der Zustand des Mädchens sichtbar. Anne Marie kann sich wieder völlig bewegen, sie kann stricken und schreiben und wenn sie die Hand gibt, spürt man einen deutlichen Druck.

Das Geheimnis aber ist und bleibt, dass sie keine Speise, weder Flüssigkeit noch feste Nahrung, zu sich nimmt. Ihr Vater behauptet, dass dieser seltsame Zustand seiner Tochter ein Wunder und ein Beweis der Allmacht Gottes sei. Auch Pfarrer Brünemann ist von der Echtheit dieses Zustandes überzeugt und glaubt nicht an einen Betrug des Mädchens.


Inzwischen hat das Amt Iburg, dem an der Aufklärung dieses sonderbaren Falles sehr gelegen ist, um Unruhe im Volke zu vermeiden, eine neue Kommission benannt, die das Mädchen nochmals gründlich und längere Zeit hindurch schärfstens bewachen soll.

Dr. Schelve, Justus Gruner und die Advokaten Dürfeld und Vezin gehören dazu.

Man beschließt, das Mädchen für die Zeit der Bewachung aus dem elterlichen Hause zu entfernen und es im Hause des Notarius Heilmann in Borgloh unterzubringen. Da sich aber der Vater auf Anraten seines Schwagers Mahne gegen den Abtransport seiner Tochter energisch widersetzt, bleibt den Bewachern nichts anderes übrig, als das Mädchen zunächst in Eppendorf bei seinen Eltern zu belassen und dort zu bewachen.

Anne Marie liegt den ganzen Tag in ihrem Durk, einem eichenem Wandbett, dass mit einer Schiebetür verschlossen werden kann. Innen hat sie es mit vielen Bildern altarförmig ausgeschmückt. Um aber sicher zu sein, dass sie darin keine Speisevorräte versteckt hält, wird sie in ein leichtes Korbbett verlegt. Der Vater selbst hebt seine Tochter aus dem Bett, aber in dem Moment, als er sie anfasst, faltet Anne Marie ihre Hände, schließt die Augen, und aus beiden Mundwinkeln rinnt augenblicklich eine übel riechende, rötliche Flüssigkeit. Das Mädchen scheint nun ohne Bewusstsein zu sein. Mit Hilfe von Riechwasser schwindet jedoch bald wieder ihre Ohnmacht.

Nun kann der alte Durk genau untersucht werden. Es riecht schrecklich muffig darin. Das Stroh ist feucht und faulig, aber irgendetwas Verdächtiges findet man nicht.

Alle acht Stunden lösen sich die Wächter ab. Anne Marie ist freundlich zu ihnen. Sie lässt sich Bücher reichen oder von ihnen Geschichten erzählen. Eines Tages sagt sie, dass sie in ihren Händen keine Gefühle habe, als einer der Wächter sie darauf hin derart zwischen den Fingern kneift, dass sich sogar ein Stück Haut löst, äußerst sie keinerlei Empfindung. Nachts wäscht sie sich immer wieder die Stirn ab, oder sie klagt über Hitze in der Brust und lässt sich gern ein nasses Tuch darauf legen. Öfters verlangt sie auch nach einem nassen Schwamm, um sich das Gesicht damit abzuwaschen. Wenn die Aufpasser essen, versichert sie ihnen bisweilen, dass ihr das Essen zuwider sei. Doch unterhält sie sich gern mit ihnen, und oft zeigt sich eine glückliche Naivität in ihren Reden. Anne Marie ist auch offenbar eitel, denn nicht selten verlangt sie nach einem Spiegel und betrachtet sich lange darin. Sie ist ein wissbegieriges Mädchen mit einem fabelhaften Gedächtnis. Mit den Besuchern, die immer wieder ins Haus kommen, um das Wundermädchen zu sehen, scherzt sie gern, und besonders herzlich empfängt sie die Jungen aus der Nachbarschaft und aus dem Dorf. Anne Marie ist ein wirklich symphatisches, aufrichtiges, liebes Kind. Es fällt sehr schwer zu glauben, dass sie eine Betrügerin sein soll.


Anfang April fällt den Bewachern ein durchdringender Uringeruch auf, als Anne Marie einmal ihre Bettdecke etwas zurück schlägt. Sofort gehen sie dem Geruch nach und finden zwischen den Beinen ein Leinentüchlein, dass mit Harn ganz durchnässt ist. Damit steht fest, dass das Mädchen Wasser lässt. Wer aber Wasser lässt, muss auch Flüssigkeit zu sich nehmen. Nun wird den Wächtern klar, warum sie öfters nach einem nassen Schwamm oder nach einem feuchten Brusttüchlein verlangt hat und warum sie vorgibt, helles Licht nicht vertragen zu können. Offenbar nutzt sie das Dämmerlicht um am nassen Schwamm oder am feuchten Tuch zu saugen.

Jetzt ist es für die Untersuchungskommission endgültig an der Zeit, Anne Marie Kinker nach Borgloh zu schaffen.Unter Aufsicht von Vogt Kruse soll der Transport durchgeführt werden. Unter dem Korbbett werden zwei Stangen montiert, das Mädchen wird zugedeckt, um es vor Zugwind zu schützen, und dann heben die vier bestellten Träger aus der Nachbarschaft die Trage auf ihre Schultern, und der Zug setzt sich in Bewegung.

Da es schon dunkel geworden ist, beleuchten zwei Herren der Bewachungskommission mit Fackeln in der Hand den Weg, der Arzt geht neben dem Bett, um den Zustand des Mädchens zu beobachten und ein vierter führt die weinende Mutter und sucht sie zu beruhigen. Den Schluss des Zuges bilden zahlreiche Nachbarn und Verwandte. Langsam, gleich einem Leichenzug, geht es nun durch die Dunkelheit, dem vom Mondschein erleuchteten Kirchturm von Borgloh zu. Mehrere Male muss abgesetzt werden, weil aus dem Munde des Mädchens immer wieder Blut rinnt. Nach einer guten halben Stunde ist man im Heilmannschen Hause angelangt.Über eine steile Holztreppe wird Anne Marie in eine kühle Kammer getragen.


Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, bittet sie darum, ihre steinerne Wärmflasche wieder mit warmem Wasser aufzufüllen. Dieser Wunsch wird ihr aber von den Wächtern abgeschlagen.Jetzt wollen sie endgültig die Wahrheit über das Mädchen herausbekommen. Die Patientin ist ängstlich, sie kann nicht mehr einschlafen und verlangt spät in der Nacht nach einem nassen Tuch, weil ihr angeblich flau ist. Man gibt ihr nichts. Nun deckt sie sich auf, weil sie schwitzt, und wünscht sich jetzt eine Flasche kalten Wassers, die ihr ebenfalls verweigert wird. Da möchte sie wenigstens einen Schwamm haben und auch dieser Wunsch wird ihr nicht erfüllt. Immer unruhiger wird Anne Marie. Da macht sich Uringeruch bemerkbar. Man findet ihr Bett von Harn durchnässt. Auf vielfältiges Drängen hin und zu einem Geständnis aufgefordert, gibt sie nun zu, dass sie am Nachmittag durch Ansaugen des Schwammes Wasser in den Mund bekommen habe. Gleichzeitig beteuert sie aber, vor diesem Zeitpunkt keinerlei Flüssigkeit zu sich genommen zu haben.

Als das Angebot der Wächter, dass sie nun noch mehr trinken könne, wenn sie Durst habe, trinkt sie in Gegenwart aller, einige Schlucke Wasser. Den Bewachern gelingt es, durch Androhung von jetzt ab völlig hungern und dürsten zu müssen und keine Menschenseele zu Gesicht zu bekommen, das Mädchen zu weiteren Geständnissen zu bewegen.

Ihr Durst ist erregt und sie erkauft sich jedes Glas Wasser mit neuen Geständnissen. Sie gibt zu, vor der ersten Bewachung einmal Wasser getrunken zu haben und später habe sie manchmal das feuchte Brusttuch, das man ihr gereicht habe, ausgesogen. Nach der ersten Bewachung habe sie durch den Bruder Christian schon mal etwas Milch oder Brei erhalten. Nie aber mehr als einen Löffel genommen.


Da nehmen sich die Bewacher den Christian vor. Er gesteht, der Schwester von seinem Essen gewöhnlich ein bisschen abgegeben zu haben, nie aber mehr als zwei Löffel voll. Vater und Mutter Kinker beteuern, von alledem nichts zu wissen. Jetzt wird das Gogericht von Iburg eingeschaltet und viele Leute müssen sich ausgiebige Befragungen gefallen lassen:
Alle Mitglieder der Familie Kinker, die Nachbarhin Löhrs, die Eheleute Pelken, der Markkötter Pieper und besonders Clara Aumüller, die von Michaelis 1798 bis gegen Ostern 1799 die hintere Stube des kinkerschen Hauses zur Miete bewohnt hat. Sie kann bestätigen, dass die Tochter bei ihrem Einzug bettlägerig und in einem todesähnlichem Zustand gewesen ist.

Einmal aber habe sie gehört, als sie in der Dämmerung aus ihrer Stube trat, um von Kinkers Licht zu holen, das die angeblich bewusstlose Kranke die Mutter deutlich rief und ihr sagte: "Mutter, ich wollte euch dass..." sie stockte aber, als sie, Clara Aumüller ins Zimmer getreten sei, und Anne Marie habe von diesem Augenblick an wieder in ihrem bewusstlosen Zustand gelegen.

Ein anderes Mal habe die Aumüllerin plötzlich das Krankenzimmer betreten, da sei die Kranke, die offensichtlich im Bett gesessen habe, sofort nach hinten zurückgesunken. In den Händen aber habe sie noch einen Strumpf gehabt mit Nadel und Flicken, der erst mit einem Stich befestigt war.

Da Anne Marie noch immer nicht zu einem umfassenden Geständnis bereit ist, wird sie ins Zuchthaus nach Osnabrück gebracht und dort in eine Einzelzelle gesperrt. Sie, die gern mit anderen Menschen zusammen ist, leidet furchtbar unter dieser Einsamkeit und meldet schon ein paar Tage später, dass ihr in einer schlaflosen Nacht eingefallen sei, das sie wohl nicht lange ohne Speise und Trank gelebt und auch in den Jahren 1798 und 1799 Nahrung zu sich genommen habe. Man solle dieses Geständnis schleunigst der Kanzlei überbringen, da sie nicht länger allein sein wolle.

Nun erinnert man sich, dass es in der Familie Kinker schon früher einmal einen ähnlich sonderbaren Fall gegeben habe. 17 Jahre vorher habe die Schwester des Vaters Kinker bei Bulthaupt als Magd gedient. Erst habe sie sich dumm angestellt und später so getan, als sei sie vom Teufel besessen. Ja, von Kind auf sei sie schon ein Kinderschreck gewesen, habe dann die Fallsucht bekommen, und später sei sie ganz vom Bösen befallen worden. Am Fronleichnamstag 1783 habe sie sich in der Kirche und auf der Straße völlig ungebärdig benommen, so dass sie von Schützen nach Hause gefahren werden mußte. Auf dem Wage habe sie um sich gebissen, geschrien und fürchterlich das Gesicht verzogen. Als die Leute auf der Straße riefen: "Ligge Düwel!" oder "Satan, ligge" sei sie unbeweglich niedergefallen. Sie habe Brechmittel erhalten und sei zur Ader gelassen worden. Außerdem habe der Untervogt Berstermann tatkräftig mitgeholfen (wahrscheinlich durch Schläge) den Teufel auszutreiben. Aus Scham soll sie kurz darauf nach Bissendorf in Stellung gegangen sein und sei dann nach Holland ausgewandert.


Mit dem Geständnis der Anne Marie Kinker, das sie gegessen und getrunken habe und damit kein Wundermädchen sei, haben die Richter endlich eine Handhabe, das Urteil zu sprechen. Man verurteilt sie zu 6 Monaten Zuchthaus mit Arbeit, weil sie mehrere Jahre hindurch die völlige Enthaltung von Speise und Trank vorgegeben, krankhafte Anfälle vorgetäuscht, die Untersuchenden hintergangen, das Volk betrogen und öffentliches Ärgernis gegeben habe. Nach Abbüßung der Strafe habe sie am folgenden Sonntag mit einem Schild um den Hals "Ich bin eine öffentliche Betrügerin" 1 Stunde lang vor der Kirche zu Borgloh zu stehen. Der Bruder Christian wird wegen Beihilfe zum Betrug zu 20 Rutenstreichen auf den bloßen Rücken verurteilt.

Trotz des klaren Urteils des Gerichtes bleiben noch einige Fragen offen:
• Hat Anne Marie das letzte Geständnis vielleicht nur aus Angst vor der Einsamkeit in der Zelle abgelegt?
• wie kann ihr körperlicher Zustand unverändert bleiben, wenn sie in der Zeit der ersten Bewachung mit Sicherheit keinerlei feste Nahrung zu sich nehmen konnte?
• kann ein Mensch mit so wenig Wasser, wie es bei Anne Marie der Fall war, auskommen?
• warum ist das Mädchen schmerzunempfindlich?
• Was sollte wohl der Grund für einen solchen Betrug sein?

Fragen über Fragen. Oder ist Anne Marie Kinder doch ein Wundermädchen?


Quelle: Borgloh seine Geschichte und Geschichten von Bernhard Feige



Aus heutiger Sicht

Der Fall Anne Marie Kinker wurde 1993 von einem Fachseminar aufgerollt und es wurde nach medizinischen und psychologischen Erklärungen gesucht. Die bemerkenswerte Zunahme psychogener Eßstörungen unserer Zeit hat die Psychiater und Psychotherapeuten veranlaßt, einen Blick in vergangene Quellen zu dieser Thematik zu werfen. Erwähnt wurden auch Wundermädchen, die in ihrer Zeit ganz besonderes Aufsehen erregten.

Aus der heutigen Sicht, das kann vorweg genommen werden, stand in dem wundersamen Verhalten der Anne Marie Kinker ganz sicher kein betrügerischer Vorsatz. Natürlich hat es auch nicht jenes vermutete medinzinische Wunder gegeben, wonach Menschen von Luft leben können. Wohl muss dasvon ausgegangen werden, dass sich Anne Marie Kinker in einer außergewöhnlichen psychischen Situation befunden hat, die ein so aufsehenerregendes und wundersames Verhalten nahelegte.

Als Anne Marie krank wurde, dachte man zunächst an eine Fallsucht. Diese Krankheit ist in der damaligen Zeit häufig aufgetreten. Lange schlafähnliche Zustände, in denen das Mädchen gepflegt werden musste, schlossen sich der Fallsucht an. Aber Interesse der Öffentlichkeit entstand erst, als man davon erfuhr, das Anne Marie Kinder "nichts" aß und dann noch wechselnd gut oder schlecht lebte.

Das Interesse an wunderlichen Geschichten ist ein zeitloses Thema und so wird sich diese Geschichte in der kleinen Dorfgemeinschaft schnell herumgesprochen haben. Am Ende hat die Bevölkerung ihr Wunder gehabt und ist zu dem Kotten gewallfahrtet. Die Ergebnisse der neuerlichen Überprüfungen haben sicher nicht alle Fragen beantworten können. Eins aber ist gewiss: Anne Marie Kinker war keine Betrügerin. Es hat sich bei dem Mädchen um eine ungewöhnliche, aber grundsätzlich erklärbare psychische Reaktion gehandelt. Ein betrügerischer Vorsatz hat nicht zugrunde gelegen. Er ist vielmehr bei der damaligen Untersuchung von "Amts wegen" konstruiert worden.


Quelle: Dr. Horst Trappe


So weit die Geschichte der Anne Marie Kinker, wie sie sich aus damaliger und heutiger Sicht darstellen mag. Ganz sicher keine Betrügerin, sondern eigentlich ein bedauernswertes Geschöpf, welches durch Druck und Verunglimpfungen der Obrigkeit und Zeugenaussagen in Misskredit gebracht wurde. Ein Wundermädchen? Aber, urteilen sie selbst!